Vielzeitig
Edition von Briefen an und von Elazar Benyoëtz mit Anmerkungen und Erläuterungen.
Briefe u.a. an: Dichter: Rose Ausländer; Clara von Bodman; Hilde Domin; Walter Helmut Fritz; Claire Goll; Oskar Maria Graf; Joachim Günther; Helmut de Haas; Paul Hirsch; Hermann Kasack; Marie Luise Kaschnitz; Werner Kraft; Michael Krüger; Annette Miegels; Karl Otten; Jacob Picard; Felix Uri Rosenheim; Max Rychner; Shin Shalom; Margarete Susman; Silja Walter; Max Zweig.
Philosophen: J. D. Abramsky; Jehoschua Amir; Theodor W. Adorno; Hannah Arendt; Hugo Bergmann; Paul Engelmann; Brian McGuinness; Arthur Hübscher; Michael Landmann; Erwin Loewenson; Michael Lukas Moeller; Manfred Voig
Theologen: Schalom Ben Chorin; Ren×™ Dausner; Helmut Eiwen; Rufus Flügge; Albrecht Goes; Jens Haasen; Lydia Koelle; Verena Lenzen; Günter Neske; Paul Rutz; Wilhelm Vischer; Claudia Welz; Josef Wohlmuth.
Literatur- und Sprachwissenschaftler: Fritz Arnold; Heinz-Ludwig Arnold; Sigrid Bauschinger; Walter A. Berendsohn; Johannes Jacobus Braakenburg; Dorothea von Chamisso; Hans W. Eppelsheimer; Harald Fricke; Hans-Martin Gauger; Martin Glaubrecht; Christoph Grubitz; Eugen Gürster; Werner Helmich; Paul Hoffmann; Friedhelm Kemp; Hans Mayer; Walter Muschg; Helmuth Nürnberger; Friedrich Pfäfflin; Kurt Pinthus; Albrecht Schöne; Friedemann Spicker; Jürgen Stenzel; Hans Weigel; Harald Weinrich; Conrad Wiedemann; Andreas Wittbrodt. Und auch an die bereits mythologischen Kultursenatoren von Berlin Adolf Arndt und Werner Stein.
Zum Buch:
»Mein Weg ins Deutsche - war er gewagt, war er verhängt. Warum musste aus einem hebräischen Lyriker ein deutscher Aphoristiker werden. Solange ich noch schreiben kann, bleibe ich mir die Antwort darauf schuldig. Die großen Fragen sind nur ohne Antwort groß.« Der vorliegende Briefband ist der Versuch, dieser Frage ihren Umriss zu geben. »Als eminenter Epistograph ist Benyoëtz noch zu entdecken. Er setzt dabei in deutscher Sprache und gegenüber Nicht-Juden die Tradition der Diaspora von Israel aus fort. In der jüdischen Tradition gilt der Brief als Form der Beratung des Gesetzes für einen bestimmten, über die Welt verstreuten Personenkreis. Als Formen moralischer Selbstbegegnung knüpft sein kaum übersehbarer deutschsprachiger Briefwechsel in deutscher Sprache an die reiche jüdische Tradition der Diaspora seit dem ausgehenden Mittelalter an. Kennzeichen der jüdischen Briefliteratur, die es in nahezu allen Literatur-Sprachen gibt, sind ihre eminente sprachliche Ausdruckskraft, Gelehrtheit und Welthaltigkeit. Nolens volens zeigen sich die Korrespondenten als Teilhaber diverser Kulturen und gelten in allen Formen und Medien des sprachlichen Verhaltens als besonders erfindungsreich.« (Christoph Grubitz).
Der Autor: Elazar Benyoëtz wurde 1937 als Sohn österreichischer Juden in Wiener Neustadt geboren und lebt seit 1939 in Jerusalem. 1959 hat er das Rabbinerexamen abgelegt. Zwischen 1964 und 1968 wohnte er in Berlin, wo er 1964 die Bibliographia Judaica gründete. Benyoëtz schrieb seine ersten Gedichtbände auf Hebräisch, seine Essays und Aphorismenbände (seit 1969) sind fast ausschließlich in deutscher Sprache erschienen. »Aus Sätzen von meist einer, selten zwei, ganz selten drei Zeilen Länge spricht ein lebendiger Geist in persönlicher Form mit äußerster Ernsthaftigkeit über Hoffnung, Recht, Liebe, Literatur, Sprache, Gott.« (Hans Weigel). Er gilt als der bedeutendste lebende deutschsprachige Aphoristiker. Wenn Benyoetz mit dem Wortspiel des Aphoristikers arbeitet, dann ist dies für ihn Wegbereitung zu neuen Erkenntnissen, dann will er "ins noch nicht Ausgesprochene". Thema seiner Bücher ist neben religiösen Inhalten oft die Sprache selbst. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet!
Presse: FAZ 12.9. 2011
Die hohen Ansprüche des Aphorismus
Von einem, der die Steine aufwärts ins Rollen brachte: Drei neue Bücher setzen den israelischen Dichter Elazar Benyoëtz in neues Licht
Wie weißer Granit liegt er da. "Vielzeitig" lautet der Titel des Bandes, Briefe aus fünf Jahrzehnten finden sich darin. Es ist das lebenslange Senden und Empfangen des israelischen Dichters Elazar Benyoëtz - und doch, obwohl es um nichts anderes als Kommunikation geht, korrespondieren Empfänger und Absender nur selten miteinander. Nicht um die Rekonstruktion einer Denkbewegung kann es dem Autor und Herausgeber dieser Sammlung also gegangen sein, sondern um den Sog des zufällig Benachbarten.
Benyoëtz, auf den Namen Paul Koppel getaufter Sohn österreichischer Juden, kam 1939 im Alter von zwei Jahren nach Palästina. Das Deutsch, das in seiner Familie gesprochen wurde, beschreibt er als "mager und dürftig". "Man machte zu Hause Krawatten und war geplagt und gehetzt." Deutsch (wie auch das verwandte Jiddisch) war in Israel bis in die achtziger Jahre hinein Lingua non grata; wer es dennoch sprach, ging nicht nur als Intellektueller ein hohes gesellschaftliches Risiko ein. Dennoch schrieb Benyoëtz fast sein gesamtes Gelehrtenleben lang auf Deutsch. "Fühlen Sie sich von den Kokosnüssen, die Ihnen etwa von den Bäumen an den Kopf geworfen werden, nicht allzu sehr getroffen!", tröstete ihn der Architekt Paul Engelmann, nachdem ein diffamierender Artikel über Benyoëtz in einer hebräischen Zeitung erschienen war.
Das also ist die Ausgangslage: Ein junger israelischer Dichter trägt den deutsch-jüdischen Geist Anfang der sechziger Jahre hinein in seine Heimat - zunächst im Original, dann übersetzt mit seiner Anthologia Judaica, einer Sammlung deutschsprachiger Gedichte, und dem analogen Projekt einer Bibliographia Judaica. Von den Korrespondenzen, die Benyoëtz in dieser Sache mit Persönlichkeiten wie Nelly Sachs ("Es ist mir eine Freude, dass Sie an meinen Sachen interessiert sind") oder dem eher zurückhaltenden Adorno ("Mir jedenfalls würde es aufs äußerste widerstreben, bloß weil beide Juden waren, Alfred Kerr auf gleichem Niveau mit seinem Todfeind, dem Genie Karl Kraus, oder Stefan Zweig auf demselben wie Kafka zu behandeln") unterhielt, legt dieser Band einigermaßen beredt Zeugnis ab.
Der zweite, noch wesentlichere Aspekt bei einer Beschäftigung mit dem israelischen Gelehrten: Seit den siebziger Jahren perfektionierte Benyoëtz die Kunst des Aphorismus, machte das hybride und manchmal auch verdächtige Genre für seine essayistischen und lyrischen Ambitionen fruchtbar und stellte es nach und nach ins Zentrum seines literarischen Schaffens. Noch 1974 bezweifelte der Verleger Gotthold Müller die Verkaufbarkeit des ersten Aphorismenbandes "Einsätze" und war der Meinung, die gleichzeitig erstellte Gedichtsammlung "Einsprüche" habe wesentlich bessere Aussichten, gewürdigt zu werden. Seine Begründung: "Die Aphorismen stellen an den Leser erhebliche Ansprüche an das Mitdenken." Am Ende setzte sich Benyoëtz in Anlehnung an die alttestamentarischen "Bücher der Weisheit" (insbesondere das Buch Kohelet) und unter Berücksichtigung seines Vorbilds Karl Kraus als Aphoristiker durch - offenbar waren nicht wenige bereit, ihre Ansprüche an das Mitdenken hochzuhalten.
In der beredten Kargheit eines Haiku enthüllt sich die Beziehung zwischen Benyoëtz' Mutter- und seiner Ahnensprache als "halbjüdisch - fragmentarisch". In einem Brief an Clara von Bodman, der Benyoëtz seine erste Sammlung mit Aphorismen gewidmet hatte, erklärt er sich: "Der Hebräer in mir bringt allen Eifer auf, das durch mich deutsch Gedachte zu widerlegen, während mein Deutsch sich standhaft genug erweist, den eifernden Hebräer zu fixieren und ihm mit einer fast jiddischen Geschmeidigkeit zu widersprechen." An anderer Stelle heißt es: "Das Hebräische will mit dem Deutschen (in mir) nichts zu tun haben, wohl aber das Deutsche mit dem Hebräischen." Aus diesem reizbaren Verhältnis, das sich über die Jahre zum Spannungsbogen einer singulären Gelehrtenexistenz ausweitete, lässt sich einiges über die deutsch-jüdischen Beziehungen herauslesen. Das macht den Band auch oder vor allem historisch interessant.
Im vergangenen Jahr bekam Benyoëtz das Ehrenkreuz der Republik Österreich verliehen. Der Schriftsteller Robert Menasse hielt die Laudatio: "Ich habe gesagt, dass Elazar Benyoëtz das Amt eines Rabbiners nie ausgeübt hat. Doch, er tut es. In der Literatur. Er hat die Weisheit eines Rabbis, die Würde eines Rabbis, er ist mein Rabbi der deutschen Sprache." Neben vielen anderen Texten von und über Benyoëtz ist auch dieser in dem Band "Humor - Leichtsinn der Schwermut" enthalten, den der Berliner Theologe und Benyoëtz-Freund Michael Bongardt soeben herausgegeben hat. Parallel dazu erschienen ist eine Sammlung älterer Aphorismen - beide Bücher sind mehr Vorbedingung als Ergänzungen zur Lektüre der gelehrten Korrespondenzen.
"Sie haben den Stein gleichsam aufwärts ins Rollen gebracht", schreibt eine Freundin anlässlich des von Benyoëtz angezettelten Geburtstagsbesuchs bei der Dichterin Hilde Domin. In Anspielung auf deren ersten Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze" sollte der alten Dame eine solche ("die schönste freilich") überbracht werden. Wie die Begegnung mit der neunzigjährigen Dichterin geschildert wird, gehört zum Schönsten eines Briefbandes, in dem sich Verlagskorrespondenz mit Stipendienanträgen, Lektorat und Selbstvergewisserung aufs eigenwilligste und aufgrund mangelnder Einordnung auch nicht immer ganz glücklich vermischen.
Briefe, so erklärte Elazar Benyoëtz, haben seiner gesamten Aphoristik zugrunde gelegen. Uns eröffnen sie die Gedankenwelt dieses geradlinig schlingernden Gelehrten, der sein Schaffen in den Dienst einer deutschen-jüdischen Geistestradition gestellt hat wie kaum ein Zweiter.KATHARINA TEUTSCH: F.A.Z., 12.09.2011,














